Arzt am Schreibtisch: Diagnose – Diagnosekriterien

Diagnose – Diagnosekriterien

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Kurz zusammengefasst:

Die Diagnose der Myasthenia gravis (MG) basiert auf der Anamnese und dem klinischen Nachweis einer belastungsabhängigen Muskelschwäche. Sie wird durch positive Befunde in der Autoantikörperdiagnostik, elektrophysiologischen Untersuchungen und/oder pharmakologischen Testungen bestätigt.

Diagnostische Säulen der Myasthenia gravis (MG).ref_Blaes_2018ref_Mueck_2024
Klinische Symptome Autoantikörperdiagnostik Ggf.
elektrophysiologische
Untersuchung

Anamnese

Der Diagnose der MG muss immer eine ausführliche Anamnese zugrunde liegen. Da die einzelnen Symptome oft unspezifisch sind, kann die Betrachtung des Gesamtbildes Hinweise auf eine mögliche Myasthenie geben. Schildert die Patientin oder der Patient spontan eine charakteristische belastungsabhängige oder tageszeitabhängige Muskelschwäche bspw. der Extremitäten- oder Nackenmuskulatur, sollte an eine MG gedacht und nach weiteren myasthenen Symptomen gezielt gefragt werden. Dazu zählen Ptosis, Diplopie, Kau- und Schluckbeschwerden und teilweise auch Einschränkungen der Vitalkapazität.ref_Blaes_2018

Verschiedene standardisierte Fragebögen, die entweder von Ärzt:innen oder den Patient:innen selbst ausgefüllt werden, erleichtern die Anamnese. Die erhobenen Scores können dann auch zur Dokumentation des Krankheitsverlaufs eingesetzt werden.ref_Schneider-Gold_2019ref_Wolfe_1999ref_Burns_2008_1ref_Burns_2008_2

 

Übersicht der standardisierten Fragebögen für MGref_Schneider-Gold_2019ref_Wolfe_1999ref_Burns_2008_1ref_Burns_2008_2

Von der Ärztin oder dem Arzt ausgefüllt Patient:innenbasiert

QMG (Quantitativer MG)-Score

  • Objektive und quantitative Beurteilung der Muskelschwäche von 13 verschiedenen Muskelgruppen (Maximalwert: 39)

MG-ADL (MG – Activities of daily living)-Score

  • Subjektive Bewertung der Einschränkung von acht Aktivitäten des täglichen Lebens anhand einer Punkteskala (je 0-3 Punkte; Maximalwert: 24 Punkte) 

MGFA-Klassifikation (MG – Foundation of America)

  • Schweregrad der MG vor Behandlungsbeginn

MG-QoL (MG – Quality of Life)-15-Score

  • Subjektive Einschätzung der Einschränkung der Lebensqualität anhand von 15 Lebensqualitäts-Aspekten (Maximalwert: 60 Punkte)

MGC (MG Composite)-Score

  • Kombination aus einem Ärzt:innen- und Patient:innen-basierten Messinstruments (Maximalwert: 50 Punkte)

Je höher der Score-Wert, desto stärker ist die betroffene Patientin oder der betroffene Patient beeinträchtigt. Veränderungen in den Scores werden als klinisch relevante Veränderungen des myasthenen Krankheitsverlaufs gewertet. So verbessert sich die Beeinträchtigung, bei einer Abnahme von:ref_Schneider-Gold_2019ref_Wolfe_1999ref_Burns_2008_1ref_Burns_2008_2

  • 2-3 Punkten im MG-ADL-Score
  • ≥ 5 Punkten im QMG-Score 
  • 7-8 Punkten im MG-QoL-15-Score
     


Entsprechend ihrer Ausprägung kann die MG anhand der modifizierten MGFA-Klassifikation eingeteilt werden.ref_Schneider-Gold_2019

Autoantikörperdiagnostik

Myasthenie-assoziierte Autoantikörper werden mithilfe von Radioimmunassays (RIA) oder Enzyme-Linked Immunsorbent Assays (ELISA) detektiert und können einzeln oder in Kombination auftreten. Die Mehrheit der Patient:innen mit MG produzieren Autoantikörper, die gegen die Acetylcholinrezeptoren (AChR) gerichtet sind und das Komplementsystem aktivieren. Die serielle Bestimmung der Antikörper dient als Bestätigung der Diagnose, ist für den Krankheitsverlauf und damit auch für die Therapie jedoch nicht relevant.ref_Meriggioli_2012ref_Wiendl_2024

 

Überblick über relevante Autoantikörper, die für die Autoantikörperdiagnostik bei der MG herangezogen werdenref_Wiendl_2024ref_Gilhus_2016ref_Zisimopoulou_2013ref_Zisimopoulou_2014

 

Autoantikörper
Anmerkung
AChR-Antikörper
Bei etwa 80-90 % der Patient:innen mit gMG nachweisbar (AChR-Antikörper-positive gMG)
Bei fehlendem Nachweis von AChR-Antikörpern
Muskelspezifische Tyrosinkinase (MuSK)-Antikörper In seltenen Fällen (ca. 1-10%) nachweisbar
Low-density-Lipoprotein-Rezeptor assoziiertes Protein 4 (LRP4)-Antikörper
Bei etwa 7-33 % der MG Patient:innen ohne AChR- und MuSK-Antikörper
Anti-Agrin-Antikörper
 
Anti-Voltage-gated Calcium Channels (VGCC)-Antikörper
 
 Ca. 5 % der MG-Patient:innen sind seronegativ

 

Apparative Diagnostik

Die apparativen Testungen, einschließlich der elektrophysiologischen Untersuchung, können der Bestätigung der Diagnose einer MG dienen, sind bei eindeutiger Klinik und positivem Antikörpernachweis jedoch entbehrlich.ref_Blaes_2018

 

Übersicht apparativer und physischer Testungen zur Bestätigung der MGref_Blaes_2018ref_Wiendl_2024ref_Gilhus_2016

Testkategorie Test Beschreibung des Effektes bei MG
Neurologisch Ice-on-Eyes-Test Verbesserung der Ptosis, wenn ein Eisbeutel auf das Auge aufgelegt wird.
Cogan’s Lid Twitch-Test  Vorübergehende Lidzuckung nach kurzem Abwärts- und anschließendem Aufwärtsblick
Elektrophysiologisch Repetitive Nervenstimulation (RNS) Goldstandard der neurophysiologischen Untersuchung bei MG.
Ein Flächendekrement von > 10 % oder ein Amplitudendekrement von > 15 % zwischen erstem und fünftem Reiz spricht für eine Störung der neuromuskulären Transmission.
Single-Fiber-Elektro-myographie (SF-EMG)
Erhöhte Jitter und Blockierungsraten; sehr sensitiv für MG.
Pharmakologisch Tensilon-Test 
(Edrophonium-Test)
Kurzfristige Verbesserung der Muskelkraft nach Verabreichung von Edrophonium (i. v.); selten verwendet wegen Nebenwirkungen und der Notwendigkeit des EKG-Monitorings.
Bei 25 % der okulären Myasthenien falsch negativ und kann auch bei anderen Muskelerkrankungen oder spinalen Muskelatrophie falsch positiv ausfallen.
Orale Acetylcholinesterase-Hemmer Verbesserung der Symptome nach Verabreichung von Pyridostigmin innerhalb von 30 Minuten bis 3 Stunden.

 

Da bei Patient:innen mit MG Atemkomplikationen häufiger und oft unerwartet auftreten, sollte die Vitalkapazität regelmäßig überprüft werden, um mögliche Einschränkungen der Atmung frühzeitig zu erkennen und deren Ausmaß beurteilen zu können.ref_Reuther_1978

Bildgebende Verfahren

Bei AChR-Antikörper-positiven MG-Patient:innen sind Thymuspathologien vermehrt vorhanden. Darüber hinaus kann eine MG auch durch ein von einem Thymom verursachtes paraneoplastisches Syndrom bedingt sein. Um diese morphologischen Auffälligkeiten zu identifizieren oder auszuschließen, sollte nach gesicherter Diagnose eine thorakale Bildgebung in Form eines CT oder MRT durchgeführt werden. Zusätzlich kann eine Röntgenaufnahme des Thorax zur Statuserhebung vor Therapiebeginn angefertigt werden. Eine zerebrale MRT wird insbesondere bei vorliegender okulärer oder bulbärer Symptomatik empfohlen, damit mögliche differenzialdiagnostisch zu bedenkende Erkrankungen ausgeschlossen werden können.ref_Blaes_2018ref_Wiendl_2024

Komorbiditäten

Die MG kann auch mit einer Vielzahl an anderen Erkrankungen, vor allem Autoimmunerkrankungen (ca. 10-14 %), assoziiert sein.ref_Blaes_2018ref_Wiendl_2024 Aus diesem Grund empfiehlt sich ein entsprechendes erweitertes Antikörper-Screening, welches u. a. auf Anti-Titin-Antikörper untersucht.ref_Wiendl_2024

Zu den häufigsten bei MG-Patient:innen auftretenden Begleiterkrankungen gehören:ref_Di-Stefano_2024ref_Law_2020

  • Hashimoto Thyreoiditis
  • Rheumatische Arthritis
  • Systemischer Lupus Erythematodes
  • Hypertonie
  • Osteoporose
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Thymuspathologien

Für die Einschätzung komplizierender Begleiterkrankungen wie Diabetes, Nephropathie oder autoimmune Schilddrüsenerkrankungen sollte ein Routinelabor mit Standardparametern inklusive der Kreatinkinase durchgeführt werden.ref_Wiendl_2024 Werden die Patient:innen bereits immuntherapeutisch behandelt, dienen Differenzialblutbilder und die Bestimmung von Leber- und Nierenwerten der Überwachung.ref_Wiendl_2024

Differenzialdiagnosen

Zu den Differenzialdiagnosen der MG gehören:ref_Melzer_2016ref_Silvestri_2012ref_Engstrom_2004

  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
  • Botulismus
  • Funktionelle neurologische Störungen
  • Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndrom (LEMS)
  • Myopathien
  • Polymyositis

Referenzen

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