Fakten zur Erkrankung

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Acetylcholin (ACh)-Antikörper-positive generalisierte Myasthenia gravis

Die generalisierte Myasthenia gravis (MG) ist eine seltene chronische Autoimmunerkrankung, die zu einer gestörten Signalübertragung an der neuromuskulären Endplatte führt.ref_Conti-Fine_2006ref_Schnerider_2007ref_Tuzu_2011 Klinisch äußert sie sich v. a. in einer schmerzlosen, belastungsabhängigen, fluktuierenden Schwäche der Skelettmuskulatur, die sowohl alltagsrelevante Funktionen als auch lebenswichtige Muskelgruppen betreffen kann.ref_Melzner_2016ref_Silvestri_2012ref_Engstrom_2004

Pathophysiologie – Autoantikörper im Fokus

Bei der MG richten sich Autoantikörper gegen verschiedene Proteine der postsynaptischen Membran der neuromuskulären Endplatte.ref_Conti-Fine_2008
In etwa 85 % der Fälle finden sich Antikörper gegen nikotinerge Acetylcholinrezeptoren (AChR).ref_Melzner_2016 Weitere Zielantigene können die muskelspezifische Kinase (MuSK), das Lipoprotein-Rezeptor assoziierte Protein 4 (LRP4) oder Agrin sein.ref_Melzner_2016 Etwa 4 % der Patient:innen gelten als seronegativ.ref_Melzner_2016

Die pathophysiologische Wirkung der AChR-Antikörper entfaltet sich auf drei zentralen Ebenen: funktional, strukturell und immunvermittelt durch das Komplementsystem.ref_Conti-Fine_2006ref_Meriggioli_2009

Pathophysiologische Wirkung der AChR-Antikörper, Grafik 1

Funktionelle Blockade

Funktionell blockieren die AChR-Antikörper die Bindungsstelle von Acetylcholin, was die Öffnung der Ionenkanäle und damit die Depolarisation der postsynaptischen Membran beeinträchtigt.

Pathophysiologische Wirkung der AChR-Antikörper, Grafik 2

Antigenmodulation

Im Rahmen der Antigenmodulation kommt es durch Quervernetzungen benachbarter Rezeptoren zu einer verstärkten Internalisierung und lysosomalen Degradation der AChR. Die Folge: Die postsynaptische cholinerge Rezeptordichte nimmt ab.

Pathophysiologische Wirkung der AChR-Antikörper, Grafik 3

Komplement-vermittelte Schädigung

Immunologisch aktivieren die AChR-Antikörper die Komplementkaskade über ihr Fc-Fragment.

Pathophysiologische Wirkung der AChR-Antikörper, Grafik 4

Komplement-vermittelte Schädigung

Der Komplementfaktor C5 spaltet sich auf und das Spaltprodukt C5b leitet die Bildung des Membranangriffskomplexes (MAK) ein.

Pathophysiologische Wirkung der AChR-Antikörper, Grafik 5

Komplement-vermittelte Schädigung

MAK wiederum bildet eine transmembrane Pore, durch die Wassermoleküle und Ionen unkontrolliert in die Muskelzelle eindringen können.

  • Funktionelle Blockade
  • Antigen-modulation
  • Komplement-vermittelte Schädigung 1
  • Komplement-vermittelte Schädigung 2
  • Komplement-vermittelte Schädigung 3
Diese Prozesse führen zu charakteristischen strukturellen Veränderungen der neuromuskulären Endplatte: einer Verbreiterung des synaptischen Spalts, einer Reduktion der subsynaptischen Auffältelung und einer progressiven Destruktion der postsynaptischen Membran – mit klinisch relevanter, belastungsabhängiger Muskelschwäche als Folge.ref_Conti-Fine_2006ref_Meriggioli_2009

Prävalenz der Myasthenia gravis


MG ist eine seltene Erkrankung mit einer Prävalenz von 10-36 pro 100.000 und einer Inzidenz von 0,25-2 pro 1 Million Einwohnern. Sie ist die häufigste Störung der neuromuskulären Erregungsübertragung.ref_McGrogan_2010

 

Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer, insbesondere in jüngeren Altersgruppen.ref_Grob_2008

 

80-90 % der Fälle mit initial okulärem Befall generalisieren innerhalb von 2-3 Jahren mit möglichen myasthenen Krisen.ref_OHare_2019

 

Etwa 80-90 % der Patient:innen mit generalisierter MG sind AChR-Antikörper-positiv.ref_Gilhus_2016

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Referenzen

  1. Conti-Fine BM. et al., Myasthenia gravis: past, present, and future. Journal of Clinical Investigation. 2006; 116(11):2843-54.
  1. Schneider-Gold C. und Toyka KV., Myasthenia gravis. Deutsches Aerzteblatt. 2007; 104(7):A420-6.
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  1. Silvestri NJ et al. Myasthenia gravis, Semin Neurol 2012; 32: 215-226.
  1. Engstrom JW. Myasthenia gravis: diagnostic mimics. Semin Neurol. 2004 Jun;24(2):141-7. doi: 10.1055/s-2004-830903. PMID: 15257510.
  1. Conti‑Fine BM et al. Annals of the New York Academy of Sciences 2008; 1132: 193–209.
  1. Meriggioli MN and Sanders DB. Lancet Neurology 2009; 8: 475–490.
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