Myasthenia gravis - positiver Einfluss durch Bewegungstraining belegt

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Die nicht medikamentöse Therapie ist eine unverzichtbare Säule bei Patient:innen mit Myasthenia gravis, um die funktionellen Fähigkeiten wiederherzustellen oder zu verbessern.ref_Wiendl_2023 Eine patientendividuelle Bewegungstherapie ist ein wichtiger Baustein innerhalb dieser nicht medikamentösen Therapie.ref_Wiendl_2023ref_Gilhus_2021

 

Das Leitsymptom der Myasthenia gravis (MG) ist eine belastungsabhängige Muskelschwäche aufgrund neuromuskulärer Übertragungsstörungen. Im Krankheitsverlauf generalisiert die Erkrankung bei ca. 70-80 % der Patient:innen. Das bedeutet: Bei der generalisierten Form können potenziell alle quergestreiften Skelettmuskeln erfasst werden, auch die Muskeln der Extremitäten. Zusätzlich zur Muskelschwäche leiden ca. 80 % der Patient:innen unter einem ausgeprägten Fatigue-Syndrom. Aufgrund dieser Herausforderungen stellt sich die Frage: Haben körperliche Aktivität und Bewegungstraining einen positiven Einfluss auf diese myastheniespezifischen Symptome? Die Antwort lautet: ja!ref_Wiendl_2023ref_Gilhus_2021ref_Anderson_2021

Patientenindividuelle Bewegungstherapie als wichtiger Therapiebaustein bei MG

Neben der medikamentösen Therapie spielt die nicht medikamentöse Therapie eine entscheidende Rolle in der MG-Therapie. Sie unterstützt die Patient:innen bei ihren funktionellen Fähigkeiten, die durch die myasthenen Symptome eingeschränkt sind. Vor allem für ein systematisches Körper- und Bewegungstraining konnte in Studien ein positiver Effekt auf den Krankheitsverlauf nachgewiesen werden. Eine Übersichtsarbeit mit 10 Interventionsstudien und insgesamt 159 eingeschlossenen Patient:innen mit generalisierter MG bestätigte eine verbesserte Muskelkraft, die sich positiv auf Alltagsfunktionen sowie die Lebensqualität auswirkte.ref_Wiendl_2023ref_Gilhus_2021
Klinisch stabile Patienten mit MG sollten mindestens 150 Minuten pro Woche trainieren

Zusammenfassend sprechen die Autoren auf Grundlage ihrer Übersichtsarbeit eine Empfehlung für körperliche Betätigung bei Patient:innen mit leichter oder mittelschwerer MG aus:ref_Gilhus_2021

  • Empfehlung der Autoren: Klinisch stabile Patient:innen mit einer leichten oder moderaten MG sollten mindestens 150 Minuten pro Woche trainieren.ref_Gilhus_2021
  • Wichtiger Hinweis der Autoren: Art und Intensität des systematischen Trainings sollten immer an die einzelne Patientin/den einzelnen Patienten angepasst werden.ref_Gilhus_2021

 

Darüber hinaus zeigte eine weitere Übersichtsarbeit, dass Patient:innen mit MG von einem strukturiertem Rehabilitationsprogramm in Kombination mit der medikamentösen Therapie in vielerlei Hinsicht profitieren können. Dazu zählen eine erleichterte Rückkehr in den beruflichen Alltag, ein verbesserter Umgang mit körperlichen Einschränkungen, aber auch eine bessere psychische Gesundheit und soziale Teilhabe.ref_Naumes_2016

Die Rolle der körperlichen Aktivität im Rahmen des Fatigue-Syndroms

Die Prävalenz des Fatigue-Syndroms ist bei Patient:innen mit MG sehr hoch: bis zu 80 % der Patient:innen leiden unter einem ausgeprägten Fatigue-Syndrom, was in der Regel zu einer eingeschränkten Lebensqualität führt.ref_Wiendl_2023ref_Ruiter_2020ref_Ramm_2017 Die Edukation der Patient:innen ist hier entscheidend, denn sie müssen verstehen, dass das Fatigue-Syndrom eng mit dem Krankheitsbild der MG assoziiert ist und auch unabhängig von der muskulären Ermüdbarkeit auftreten kann.ref_Wiendl_2023

Im Rahmen des Aufklärungsgesprächs sollten die Patient:innen darüber hinaus informiert werden, dass ein Mittelmaß an Bewegung und Sport sinnvoll sein kann - angepasst an ihr aktuelles Befinden. Sie sollten sich weder zu sehr zu schonen noch einer zu großen Belastung aussetzen.ref_Wiendl_2023 Die Selbstwirksamkeit der Patient:innen kann auch über eine Veränderung des Lebensstils gestärkt werden. Neben einer guten Schlafhygiene und einer ausgewogenen Ernährung kann auch die Durchführung von körperlichem Training einen positiven Einfluss auf das Fatigue-Syndrom haben.ref_Gilhus_2021ref_Ruiter_2020ref_Ramm_2017

Wichtige Aspekte vor Beginn eines Bewegungstrainings

Die körperliche Aktivität wird in der Regel von Patient:innen mit MG gut vertragen und führt zu einer Verbesserung der muskulären und körperlichen Funktionen.ref_Wiendl_2023ref_Gilhus_2021ref_Chang_2021 Deshalb sollte den Patient:innen mit MG in der Regel ein Bewegungstraining empfohlen werden. Um die Patient:innen von Anfang an optimal zu unterstützen, sollten Sie vor Beginn eines Bewegungstrainings immer gemeinsam mit den Patient:innen diese Aspekte besprechen und abklären:
  • Die körperliche Aktivität und deren Intensität sollten immer nur im Rahmen der individuellen Möglichkeiten erfolgen.ref_Gilhus_2021
  • Die Ziele sollten patientenindividuell definiert werden - denn MG verläuft bei jeder Patientin/jedem Patienten anders.ref_Gilhus_2021ref_Myasthenia_2023
  • Das behandelnde ärztliche Team sollte zusammen mit den Patient:innen passende, risikoarme Sportarten und Übungsprogramme auswählen. Wenn zum Beispiel bestimmte Sportarten nicht für die Patient:innen geeignet sind, dann sind auch Übungen mit geringer Belastung, Gehen/Laufen oder Yoga eine gute Möglichkeit, um aktiv zu bleiben.ref_Myasthenia_2023
  • Die Patient:innen sollten immer Ruhephasen und/oder Atemübungen einplanen.ref_Myasthenia_2023
  • Es kann hilfreich sein, dass die Patient:innen ihre Fortschritte dokumentieren, um
    Veränderungen umgehend zu erkennen.ref_Myasthenia_2023
  • Zur Unterstützung der Motivation kann es sinnvoll sein, dass die Patient:innen gemeinsam mit ihren Partner:innen trainieren.ref_Myasthenia_2023

Referenzen

  1. Wiendl H., Meisel A., Marx A. et al., Diagnostik und Therapie myasthener Syndrome, S2k- Leitlinie, 2024, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 14.01.2026)
  1. Gilhus NE. Neuromuscul Disord. 2021;31(3):169-173.
  1. Andersen LK et al. Neuromuscul Disord. 2021;31(8):716-725.
  1. Naumes Jet al. lnt J Neurorehabilitation Eng 2016;3(3):218.
  1. Ruiter AM et al. Neuromuscul Disord 2020;30(8):631-639.
  1. Ramm J, Fatigue-Symptomatik bei Myasthenia gravis - Prävalenz, Einflussfaktoren und Zusammenhang mit Lebensqualität und Aktivitäten des alltäglichen Lebens. Dissertation; 2017. Online veröffentlicht unter: https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/2100/Diss_j.ramm.pdf?sequence=1&isAllowed=y (Letzter Zugriff 28.07.2023).
  1. Chang CC et al. J Clin Med. 2021;10(17):4031.
  1. Myasthenia Gravis Foundation Of America: Managing your MG. Online veröffentlicht unter: https://myasthenia.org/living-with-mg/after-your-diagnosis/general-mg-management/ (abgerufen am 14.01.2026).

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