Diagnosekriterien der PNH

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Zusammenfassung PNH-Diagnostik mittels Durchflusszytometrie:

Eine geeignete Untersuchung beinhaltet:

  1. Durchflusszytometrie von peripherem Blutref_Borowitz_2010ref_Schrezenmeier_2011
  2. Messung der Granulozyten und mindestens einer weiteren Zellreihe, z. B. Monozyten. Werte für Erythrozyten können abweichen aufgrund der Zerstörung durch die intravasale Hämolyse ref_Borowitz_2010ref_Schrezenmeier_2011
  3. Verwendung von mindestens zwei Antikörpern zur Detektion GPI-verankerter Proteine (z. B. CD59 und CD55) oder FLAER<ref_Borowitz_2010ref_Schrezenmeier_2011
  4. Sensitivität: 1 % bei Routinekontrollen und deutlich höhere Sensitivität bei Patient:innen mit aplastischer Anämieref_Borowitz_2010
  5. Klongröße für jede untersuchte Zellreiheref_Borowitz_2010
Die Diagnose der Paroxysmalen Nächtlichen Hämoglobinurie (PNH) wird häufig erst spät gestellt – trotz teils schwerer Symptome.
Aufgrund des unspezifischen Beschwerdebilds vergehen laut einer Studie im Durchschnitt fast 2 Jahre bis zur Diagnosestellung.ref_Bektas_2020 Nur unter 40 % der Patient:innen erhalten sie innerhalb von 12 Monaten nach Manifestation, bei 24 % dauert es 5 Jahre oder länger.ref_Bektas_2020 Diese Verzögerung erhöht das Risiko schwerer Komplikationen und beeinträchtigt zusätzlich das körperliche und psychische Wohlbefinden der Betroffenen.ref_Bektas_2020
Durch die oft unspezifische und vielgestaltige Symptomatik ist eine strukturierte, zielgerichtete Anamnese bei Verdacht auf PNH zentral für die Diagnostik.ref_Schrezenmeier_2011ref_Joerg_2019ref_Partiquin_2019 Neben allgemeinen Aspekten sollten insbesondere Hinweise auf Knochenmarkdysfunktion, intravasale Hämolyse und thromboembolische Ereignisse systematisch erfasst werden.ref_Schrezenmeier_2011ref_Joerg_2019ref_Partiquin_2019 Die folgende Übersicht zeigt wesentliche anamnestische Fragestellungen, die im Rahmen der PNH-Abklärung berücksichtigt werden sollten.ref_Schrezenmeier_2011ref_Joerg_2019ref_Partiquin_2019

 

Untersuch.
Anmerkungen
Anamnese
Allgemeine Familien-/ Eigenanamnese Diskriminierung zwischen erworbener Störung und kongenitalen Differenzialdiagnosen (z.B. Membranopathien, Enzymopathien)
PNH-typische Symptome Anämie-Symptomatik, Fatigue, Dyspnoe, Urinverfärbung, rekur- rente abdominelle Schmerzkrisen, Dysphagie, Kopfschmerzen, erektile Dysfunktion, TE-Ereignisse, Blutungszeichen
Komorbiditäten
  • Bereits bekannte Erkrankungen, wie AA oder MDS
  • Nicht-PNH-bezogene Komorbiditäten, die die Diagnose der PNH erschweren oder die geplante Therapie mit beeinflussen können
Transfusionshistorie
  • Kürzlich stattgefundende Transfusionen können die RBC (red blood cells, Erythrozyten) beeinflussen
  • Frage nach Verwendung bestrahlter Blutkomponenten (dies kann bei später notwendiger KM-Transplantation von Bedeutung sein
Aktuelle Medikation z.B. Kortikosteroide, Anabolika, Vit. D oder Folsäure-Supplemente
Impfhistorie Im Hinblick auf eine geplante Komplementinhibitortherapie
Frage nach Lebensplanung bei Frauen
  • Maternales u. fetales Morbiditäts- u. Mortalitätsrisiko bei PNH ↑
  • In der Schwangerschaft Anpassung der Therapien notwendig
Körperliche Untersuchung
Anämie-Zeichen, Ikterus, Hinweise für akute od. abgelaufene Thrombosen, Blutungszeichen, konstitutionelle Auffälligkeiten wie bei kongenitalen aplastischen Anämien, Splenomegalie

 

PNH-Verdacht: Algorithmus zur Diagnosestellungref_Schrezenmeier_2011ref_Joerg_2019ref_Partiquin_2019

Bei klinischem Verdacht auf PNH sollten zunächst Blutbild und spezifische Hämolyseparameter beurteilt werden; die definitive Diagnosesicherung erfolgt mittels hochsensitiver Durchflusszytometrie von Granulozyten und Monozyten.ref_Roeth_2018

Zu den dabei zu beurteilenden Parametern gehört die Laktatdehydrogenase (LDH), ein zentraler Surrogatmarker der intravasalen Hämolyse, der die Krankheitsaktivität bei PNH widerspiegelt.ref_Jang_2023ref_Jang_2016 Erhöhte LDH-Spiegel sind mit einer gesteigerten Morbidität und Mortalität assoziiert. Eine Studie zeigte eine signifikant erhöhte Inzidenz thromboembolischer Ereignisse bei PNH-Patient:innen mit LDH-Werten ≥ 1,5 × ULN.ref_Lee_2013

Der nachfolgende, etablierte Diagnosealgorithmus unterstützt die Entscheidung, in welchen klinischen Situationen und bei welchen Laborbefunden eine Durchflusszytometrie veranlasst werden sollte.ref_Roeth_2018

Modifiziert nach Röth A et al., 2018ref_Roeth_2018
*   MDS: Myelodysplastisches Syndrom
** FLAER: Fluorescein-labeled proaerolysin, Fluorescein-markiertes Proaerolysin
a Eine unklare, anhaltende Zytopenie bei Patient:innen, bei denen (minimale) diagnostische Kriterien für MDS nicht erfüllt sind.
b Venenthrombosen und/oder Lungenembolien bei Patient:innen ohne vorherige schwerwiegende klinische Risikofaktoren für venöse Thromboembolien, die nicht durch Operation, Trauma, Immobilisation, Hormontherapie (orale Verhütungs- oder Hormonersatztherapie) oder aktiven Krebs hervorgerufen wurden.
c Atypische Lokalisationen sind u. a. Lebervenen (Budd-Chiari-Syndrom), andere intraabdominelle Venen (Portal-, Milz-, Mesenterial-), zerebrale Sinus- sowie Hautvenen.

Der Goldstandard der PNH-Diagnostik: Durchflusszytometrie (FLAER-Analyse)ref_Schubert_2022ref_Sutherland_2018ref_Brando_2019

Die Durchflusszytometrie ist der Goldstandard in der PNH-Diagnostik, mit welcher GPI-Anker oder GPI-verankerte Proteine auf peripheren Blutzellen markiert werden (z. B. FLAER direkt gegen GPI-Anker oder Antikörper gegen CD55 und CD59) und somit GPI-defiziente Zellanteile nachgewiesen und quantifiziert werden können.ref_Sutherland_2018

Bei Verdacht auf PNH sollte eine frühzeitige Diagnostik in einem entsprechend erfahrenen nach ICCS/ESCCA-Leitlinien arbeitenden Speziallabor durchgeführt werden.ref_Sutherland_2018 Eine Übersicht über spezialisierte Labore sowie weiterführende Informationen zu Probenentnahme, Markerauswahl, untersuchten Zellreihen und Befunderstellung finden Sie auf unserer Laborseite zur PNH-Durchflusszytometrie.

Probenvorbereitung und Logistik für die Praxisref_Schubert_2022ref_Brando_2019

Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Anforderungen an Probenmaterial, Volumen und Transportbedingungen für die PNH-Diagnostik mittels Durchflusszytometrie zusammen.

PNH-Klon und Zelltypen: Typ I, II und III

Nach der durchflusszytometrischen Analyse wird ein Befund erstellt, in dem die verschiedenen Zellpopulationen mithilfe fluoreszenzmarkierter Antikörper anhand von Lichtstreuungseigenschaften voneinander abgegrenzt werden.ref_Schubert_2022ref_Brando_2019 Auf diese Weise lassen sich z. B. Granulozyten mit normaler, partiell verminderter oder vollständig fehlender Expression GPI-verankerter Proteine identifizieren.ref_Schubert_2022ref_Brando_2019

Eine Testung auf PNH zeigt typischerweise folgende Zellpopulationen:ref_Schubert_2022ref_Brando_2019

  • Typ I: Zellen mit normaler Expression GPI-verankerter Proteine (z. B. CD59)
  • Typ II: PNH-Klon mit partieller GPI-Antigendefizienz
  • Typ III: PNH-Klon mit kompletter Antigendefizienz

Eine größere PNH-Klongröße (höherer Prozentsatz GPI-defizienter Granulozyten) geht mit einer ausgeprägteren komplementvermittelten intravasalen Hämolyse und einem signifikant erhöhten Risiko für thromboembolische Ereignisse einher.ref_Dingli_2023ref_Kokoris_2024ref_Macae_2020

Die folgende Abbildung zeigt exemplarische Durchflusszytometrie-Histogramme der CD59-Expression auf Erythrozyten und illustriert die Aufteilung in Typ-1-, Typ-II- und Typ-III-Zellpopulationen.

Verlaufskontrollen gemäß aktuellen Leitlinien

Nach Bestätigung eines PNH-Klons mittels Durchflusszytometrie empfehlen aktuelle Leitlinien regelmäßige Verlaufskontrollen mit derselben Methodik im Abstand von 6-12 Monaten.ref_Schubert_2022

Klinisch ist dabei zu berücksichtigen, dass auch bei kleinen Klongrößen eine hohe Krankheitsaktivität mit hohem Risiko für Thrombosen, vaskuläre Ereignisse, Thromboembolien und Knochenmarksversagen vorliegen kann.ref_Schrezenmeier_2020 Eine Studie aus dem Jahr 2020 zeigte, dass 42,3 % der PNH-Patient:innen mit Klongrößen zwischen ≥ 10 % und < 50 % eine hohe Krankheitsaktivität aufwiesen, während bei Klongrößen < 10 % in 89,2 % der Fälle ein Knochenmarksversagen vorlag – ein Hinweis auf die inverse Beziehung zwischen Klongröße und Häufigkeit des Knochenmarksversagens.ref_Schrezenmeier_2020

Sensitivität der Durchflusszytometrie

Der erforderliche Sensitivitätsbereich der Durchflusszytometrie hängt von der klinischen Fragestellung ab. Bei Patient:innen mit aplastischer Anämie (AA) ist zur sicheren Erfassung kleiner PNH-Klone eine besonders hohe analytische Sensitivität essenziell.ref_Schubert_2022

Für Routineuntersuchung außerhalb dieser Risikogruppen ist in der Regel ein Nachweislimit von etwa 1 % ausreichend, da in der Allgemeinbevölkerung auch sehr kleine PNH-Klone ohne klinische Relevanz nachweisbar sein können.ref_Schubert_2022

PNH bei Risikogruppen

PNH tritt häufig im Kontext anderer hämatologischer Erkrankungen auf, insbesondere bei Patient:innen mit aplastischer Anämie (AA), seltener bei myelodysplastischem Syndrom (MDS).ref_Roeth_2025

Da Patient:innen mit AA, MDS und PNH häufig ähnliche Symptome wie Dyspnoe, Anämie und ausgeprägte Fatigue aufweisen, empfiehlt die Onkopedia-Leitlinie für PNH, bei AA konsequent an eine mögliche PNH zu denken und eine Testung mittels Durchflusszytometrie durchzuführen – besonders bei Erstdiagnose oder dringendem Verdacht auf AA.ref_Schubert_2022ref_Roeth_2025ref_Morado_2017ref_Young_2006ref_Escalante_2019

Die folgende Abbildung zeigt die Häufigkeit von PNH-Klonen bei einer Auswahl an hämatologischen Risikokonstellationen, in denen differenzialdiagnostisch stets an eine PNH gedacht werden sollte.ref_Roeth_2025ref_Morado_2017ref_Young_2006

* Unklare Zytopenien einschließlich Anämie (n = 393) 22,4 %; unklare Zytopenien ohne Anämie (n = 772) 5,1 %; Anämie, nicht anderweitig spezifiziert (n = 468) 3,6 %. 

Differenzialdiagnosen der PNH

Die Differenzialdiagnose der PNH umfasst andere Ursachen der Hämolyse und Knochenmarksversagen-Syndrome. Entscheidend ist hierbei die Durchflusszytometrie, mit deren Hilfe PNH von klinisch ähnlichen Erkrankungen wie autoimmunhämolytischen Anämien oder myelodysplastischen Syndromen zuverlässig abgegrenzt werden kann.ref_Schubert_2022

Eine komprimierte Übersicht zentraler klinischer Situationen, in denen eine Testung auf PNH indiziert ist (u. a. unklare hämolytische Anämie, atypische Thrombosen, Zytopenien), finden Sie auf unserer Laborseite zur PNH-Durchflusszytometrie.

Weitere diagnostische Untersuchungen

Knochenmarkpunktion: Bei Zytopenien und Verdacht auf eine PNH im Kontext einer weiteren hämatologischen Grunderkrankung (insbesondere AA oder MDS) sollte ergänzend eine Knochenmarkpunktion mit Zytologie, Zytogenetik und Histologie erfolgen.ref_Schrezenmeier_2011ref_Joerg_2019ref_Partiquin_2019

Sonographie: Die Oberbauchsonographie einschließlich Farbdoppler ist ein wichtiges ergänzendes Verfahren zur Beurteilung von Leber- und Milzgröße sowie zum Nachweis akuter oder abgelaufener Lebervenen-, Pfortader-, Milzvenen- oder Mesenterialvenenthrombosen.ref_Schrezenmeier_2011ref_Joerg_2019ref_Partiquin_2019 Bei Verdacht auf ein akutes thrombotisches Ereignis können zusätzlich Farbdopplersonographie und ggf. Angiographie weiterer Gefäßgebiete (z. B. zerebrale Venen) erforderlich sein.ref_Schrezenmeier_2011ref_Joerg_2019ref_Partiquin_2019

Referenzen

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